Interview über eine Digitale Agenda für ältere Menschen

Herr Swarat, was macht das IESE?

Gerald Swarat: Das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserslautern ist eine führende Institution im Bereich der angewandten Forschung und Entwicklung von Software- und Systemtechnik. Die Mission des IESE ist es, Spitzenforschung in nachhaltige Geschäftspraktiken und innovative Produkte zu überführen, wodurch die Effizienz im Software- und Systems Engineering seiner Partner gesteigert wird. Als eines von über 75 Instituten der Fraunhofer-Gesellschaft trägt das IESE maßgeblich zur Gestaltung der angewandten Forschung in Europa bei und stärkt die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.

Wenn Sie an Digitalisierung im Alter denken, woran hakt es?

Swarat: Die digitale Kluft im Alter ist ein komplexes Problem, das weit über die einfache Bedienung von technischen Geräten hinausgeht. Sie ist das Resultat einer vielschichtigen Gemengelage aus physischen, kognitiven, psychosozialen und sozioökonomischen Hürden. Für all diese Felder gibt es bereits Teillösungen, von spezialisierter Hardware und vereinfachender Software bis hin zu persönlichen Bildungsangeboten. Es geht also um die systematische Förderung von Bildung und menschlicher Unterstützung, die konsequente gesetzliche Verankerung von Barrierefreiheit und universellem Design, der Ausbau von Infrastruktur und die Sicherstellung von bezahlbaren Tarifen sowie eine breite Sensibilisierung der Gesellschaft. Der Erfolg der digitalen Inklusion hängt meines Erachtens definitiv weniger von der reinen Verfügbarkeit der Technologie ab (siehe i-Pads in den Schulen), als vielmehr von der Schaffung von Unterstützungsnetzwerken, die den Erwerb dieser Fähigkeiten fördern und damit das Vertrauen in die Technologie stärken.

Was muss Ihrer Meinung nach bei einer Digitalen Agenda für ältere Menschen besonders beachtet werden?

Swarat: Es wird zu häufig die zentrale Bedeutung der Kommunen in der Digitalpolitik für Seniorinnen und Senioren vergessen. Doch die ergibt sich zwingend aus der direkten Verpflichtung zur Daseinsvorsorge der kommunalen Ebene sowie ihrer Bürgernähe – denn all das, was in Berlin diskutiert und beschlossen wird, muss schlussendlich auf Bürgerversammlungen standhalten. Während zentrale Stellen zwar die technologische Infrastruktur bereitstellen können, fehlt ihnen die unmittelbare Verankerung, um die notwendigen, niedrigschwelligen, vertrauensbasierten sozialen Netzwerke aufzubauen. Die Kommune ist der einzige Akteur im föderalen System, der Technologie und soziale Netzwerke vor Ort verknüpfen kann und diesen hybriden Raum schafft. Hier können ehrenamtliche Lotsen direkt mit der administrativen Infrastruktur (digitale Daseinsvorsorge) verknüpft werden, wie es beispielsweise im Projekt „Digitallotsen“ im Landkreis Neu-Ulm praktiziert wird.

Was kann also getan werden?

Digitale Bildung und Kompetenzvermittlung:
• Ausbau von niederschwelligen, wohnortnahen Schulungsangeboten wie „Digital Cafés“ und „Digital Coaches“ sowie die Förderung von Peer-to-Peer-Lernansätzen und inter-generationellen Projekten (z.B. in Bibliotheken, Volkshochschulen, Seniorenbüros), die auf die spezifischen Bedürfnisse älterer Menschen eingehen
• Programme wie der „DigitalPakt Alter“ müssen konsequent unterstützt und ausgeweitet werden, um digitale Basiskompetenzen zu stärken.

Barrierefreiheit und Usability:
• Verbindliche Standards für die altersgerechte und barrierefreie Gestaltung digitaler Anwendungen, insbesondere bei E-Government-Angeboten, Bankgeschäften und Arzttermin-Apps sowie einfache, intuitive Nutzeroberflächen und eindeutige Sprache, um digitale Zugangshürden zu senken

Wenn Sie an die Zukunft denken…

Swarat: Zugang und Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungen, Chancengerechtigkeit und Zukunftsperspektiven, insbesondere in den ländlichen Räumen, sind aktuell gefährdet, obwohl sie neben der klassischen Infrastruktur integrale Bestandteile einer Daseinsvorsorge im Digitalen Zeitalter sind. Sie sind Grundbedürfnisse, die der Kitt sein sollten, der unsere Gesellschaft mit all den großen und kleinen Krisen, Komplexitäten und Ungewissheiten zusammenhält, und ihre Gewährleistung hängt genauso von einer funktionierenden Staatlichkeit und staatlicher Handlungsfähigkeit ab. Deshalb gibt es hier einen eindeutigen politischen Gestaltungsauftrag. Und da bin ich auch wieder bei den Kommunen, denn gerade aufgrund der Grundsätzlichkeit der Probleme und der Trägheit der bestehenden Systeme, können neue Antworten auf die großen gesellschaftlichen Herausforderungen nur in kleinen Schritten vor Ort, in den Kommunen, gefunden werden können. Dort wird Zukunft konkret verhandelt und Schritt um Schritt vollzieht sich im tatsächlichen Leben das nötige Einüben eines beständigen Wandels.

Und so entsteht wieder Zuversicht. Immanuel Kant soll diese als eine Pflicht zur aktiven Haltung angesehen haben, besonders in schwierigen Zeiten, und nicht als naive Hoffnung oder bloßen Optimismus. Aber wir müssen uns gar nicht auf Kant beziehen. Jeder, der in die Augen von kleinen Kindern geschaut hat, versteht, dass hier ein Wesen heranwächst, das es verdient, dass wir alles daransetzen, gemeinsam an einer guten Zukunft zu arbeiten, die uns unsere Kinder nicht um die Ohren hauen.

Herr Swarat, wir danken Ihnen für das Gespräch.

https://www.digitalpakt-alter.de/digitalpakt-alter/unsere-fachtagungen/digital-geht-auch-einfach/interview-mit-gerald-swarat-vom-fraunhofer-iese-zu-den-vielfaeltigen-anforderungen-fuer-erfolgreiche-digitalisierung-im-alter/#c4291

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