„Das Telefon funktionierte nicht, die Türklingel nicht und einen
Schlüssel zur Wohnung haben wir auch nicht.“ Mit diesen Worten
schilderte eine Berliner Pflegekraft im Januar 2026 die
gespenstischen Szenen nach dem Anschlag auf die Stromversorgung
am Teltowkanal.
In den eiskalten, dunklen Wohnungen der Hauptstadt lagen
Menschen, die auf Hilfe angewiesen waren – Bettlägerige,
Demenzkranke, isolierte Senioren an Beatmungsgeräten auf Notakku-
Betrieb –, während draußen die moderne Welt einfach verstummte.
Was passiert, wenn die Lebensadern einer Metropole gekappt
werden? Die Theorie wurde Realität – mal wieder! Doch schlummert
die Lösung vielleicht in Projekten, die viele bereits als teure Spielerei
abgeschrieben hatten?
Die vergangenen zehn Jahre der Smart-City-Förderung der
Bundesregierung haben leider nur wenige Anwendungen
hervorgebracht, die flächendeckend im Alltag der Bürgerschaft
verankert sind, jedoch ein entscheidendes technologisches Erbe
hinterlassen: Investitionen in Millionenhöhe haben in vielen
Kommunen die Kompetenzen für Sensornetzwerke,
Datenplattformen und digitale Zwillinge erst ermöglicht.
Angesichts einer massiv verschärften Sicherheitslage kann sich dieses
Smart-City-Erbe nun vom experimentellen Projekt zum
unverzichtbaren Fundament für die kommunale Daseinsvorsorge und
Resilienz wandeln.
Die Verwundbarkeit unserer Städte ist keine theoretische Gefahr
mehr, sondern bittere Realität. Von gezielten Sabotageakten auf
Energieinfrastrukturen in Berlin bis hin zu flächendeckenden ITAusfällen
und Cyberangriffen auf Stadtwerke (wie in Essen oder
Schwerte) – die Bedrohungslage ist hybrid geworden.
Eine Antwort darauf: Wir müssen bei der Digitalisierung auf
kommunaler Ebene weg von der Förderung von
Leuchtturmprojekten hin zum integralen Bestandteil der
Daseinsvorsorge. Anstatt neue Systeme zu entwickeln, kann und
muss das vorhandene technologische Fundament strategisch für den
Krisenfall und den Bevölkerungsschutz genutzt werden. Dafür gibt es
viele Beispiele.
Urbane Datenplattformen ermöglichen das Aufbrechen von
Datensilos, um in Katastrophenfällen lebenswichtige
Entscheidungen auf Basis verknüpfter Datenquellen zu treffen.
IoT-Sensorik (zum Beispiel Lorawan), ursprünglich für Smart Parking
oder Umweltmonitoring gedacht, bildet nun das Frühwarnsystem für
Überflutungen und andere Notlagen.
Der Digitale Zwilling fungiert nicht mehr nur zur Stadtplanung,
sondern als Krisen-Dashboard zur ad-hoc-Berechnung von
Evakuierungsrouten bei zerstörter Infrastruktur.
Smart Grids ermöglichen gezieltes Lastmanagement, um Blackouts zu
verhindern oder Kliniken priorisiert zu versorgen. Das heißt:
Unwichtige Verbraucher (zum Beispiel Werbebeleuchtung oder
private Wallboxen) können abgeschaltet werden, während Kliniken,
Wasserwerke oder Feuerwehren priorisiert weiterversorgt werden.
Damit diese technologische Umwidmung gelingt und von der
Bevölkerung akzeptiert wird, müssen Sicherheit und Datenschutz
von „Bremsfaktoren“ zu Kernqualitäten werden.
Security by Design: Technische Härtung ist kein IT-Detail, sondern
ein Qualitätsversprechen. Systeme müssen von der ersten Codezeile
an so konzipiert sein, dass sie Anomalien autonom erkennen und
lokale Schäden isolieren können, bevor Kaskadeneffekte eintreten.
Datenschutz als Asset: Ein robuster Datenschutz ist kein
Überwachungsinstrument, sondern ein strategisches Asset für die
Bürgerakzeptanz. Durch konsequente DSGVO-Konformität schützen
Kommunen die Privatsphäre und stärken gleichzeitig die Sicherheit.
Dabei bietet der rechtliche Rahmen bereits alle nötigen Spielräume,
um im Katastrophenfall Daten zur Lebensrettung
zusammenzuführen. Datenschutz sichert so die Integrität der
Systeme und die Souveränität der Bürgerschaft.
Diese digitale Infrastruktur ist zudem die Voraussetzung, um neuen
gesetzlichen und militärischen Anforderungen gerecht zu werden, die
die Kommunen vor große Herausforderungen stellen, die sie nur mit
digitalen Werkzeugen bewältigen können.
Der Operationsplan Deutschland („OPLAN DEU“) der Bundeswehr
definiert etwa die zivile Unterstützung der Landes- und
Bündnisverteidigung als Daueraufgabe. Als operative Basis der
„Drehscheibe Deutschland“ sollen Kommunen die logistische
Versorgung und Unterbringung alliierter Truppen koordinieren.
Das erfordert eine engere zivil-militärische Verzahnung. So sollen
zum Beispiel kommunale Krisenstäbe integrierte Lagebilder
erstellen können, um im Ernstfall Ressourcen zwischen ziviler
Daseinsvorsorge und militärischen Bedarfen effizient zu priorisieren.
Die Smart-City-Vorarbeiten können zudem als Fundament für die
Umsetzung der NIS-2-Richtlinie und des Kritis-Dachgesetzes gesehen
werden: Digitale Zwillinge dienen als hochpräzise Asset-
Management-Verzeichnisse, die für die geforderten Risikoanalysen
zwingend erforderlich sind.
Gleichzeitig liefern die bereits etablierten, vernetzten
Datenströme die notwendige Echtzeit-Basis für Resilienzpläne
und Vorfallsmeldungen. Die Smart City transformiert sich somit zu
einer rechtssicheren Infrastruktur, die staatliche Souveränität und
Versorgungssicherheit garantiert.
Die bisherigen Investitionen bilden das notwendige technologische
Gerüst, um die neuen Anforderungen effizient zu erfüllen. Durch die
konsequente Umsetzung von Security by Design und ein modernes
Verständnis von Datenschutz als Sicherheitsgarant wird die
Digitalisierung zum entscheidenden Hebel für die nationale
Sicherheit und das Vertrauen der Bürger in den Staat.
Geld dafür sollte es durch das Sondervermögen ja geben. Die
Dringlichkeit ist auch vorhanden. Und zu tun gibt es genug: Wir
müssen Interoperabilität sicherstellen, damit Daten über
Gemeindegrenzen hinweg fließen. Wir müssen die Qualität der bisher
entwickelten Smart-City-Lösungen steigern. Und wir müssen das
föderale Zuständigkeitsgerangel und die rechtlichen Unklarheiten
beenden, unter denen vor allem die Kommunen leiden. Der Zeitpunkt
dafür ist jetzt.
Originaltext aus der SZ: https://www.sz-dossier.de/gastbeitraege/ausgeknipst-was-der-stromausfall-in-berlin-fuer-smart-cities-bedeutet-6b3c7930
Gerald Swarat ist studierter Historiker und Germanist und leitet
hauptberuflich das Berliner Kontaktbüro des Fraunhofer IESE. Er ist
Mitglied des Digitalrats des Landes Sachsen-Anhalt, Autor des Buchs
„Smartes Land – von der Smart City zur Digitalen Region“ und Co-Gründer
des Co:Lab Denklabor & Kollaborationsplattform für Gesellschaft &
Digitalisierung.




